Michael Ströhmer bei seinem Vortrag in Detmold.

Hexenverfolgung und Klimawandel

Historiker Michael Ströhmer zeichnet ein differenziertes Bild der Zusammenhänge

Detmold. War der Klimawandel schuld an den Hexenverfolgungen vor 500 Jahren? Mit diesem Erklärungsversuch setzt sich der Historiker Prof. Dr. Michael Ströhmer (Paderborn) auseinander.

In einem Vortrag im Archiv Detmold ging er der Frage nach, welche Zusammenhänge geängstigte Zeitgenossen zwischen Witterungsextremen und magischem Ritual konstruierten. Er kam zu dem Ergebnis, dass Extremwetterlagen ein Faktor unter vielen gewesen seien, aber keineswegs die einzige Ursache.

In der Tat kam es in Europa etwa zwischen 1300 und 1900 zu einer starken Abkühlung, der sogenannten Kleinen Eiszeit. Vorausgegangen war ihr eine mittelalterliche Warmperiode, die ihren Höhepunkt kurz vor 1200 erreichte. Als Ursachen vermutet die Forschung Vulkanausbrüche, deren Asche die Sonneneinstrahlung abhielt, eine Drehung der Erdachse weiter von der Sonne weg und eine Zunahme der Sonnenflecken. Die Klimadaten stammen aus dendrochronologischen Forschungen: Aus Jahresringen der Bäume lässt sich die mittlere Temperatur erschließen, die in bestimmten Zeiträumen herrschte.

Der Tiefpunkt mit einer mittleren Abkühlung um zwei bis drei Grad war zwischen 1550 und 1650. Dies war tatsächlich eine Hochphase der Hexenverfolgung mit zahlreichen Massenverbrennungen von Frauen.

Der Historiker Wolfgang Behringer stellte direkte Zusammenhänge zwischen der Kleinen Eiszeit und dem massenhaften Mord von sogenannten Hexen her. Seine These wurde kontrovers diskutiert. Kritiker werfen ihm vor, dass er mit seiner Argumentation viele weitere für die Hexenverfolgung verantwortliche Faktoren vernachlässige. Zu den Kritikern gehört auch Michael Ströhmer. Er nannte weitere Faktoren wie eine Hungerkatastrophe Anfang des 14. Jahrhunderts, wenig später die Pest.

Dennoch: Das magische Weltbild des 16. Jahrhunderts führte dazu, dass Stürme und Schiffbruch, Starkregen und Hagelschlag Frauen in die Schuhe geschoben wurden, die man als Hexen verfemte. Der Begriff „Wetterhexe“ verselbständigte sich später: So wurde zum Beispiel in Vinsebeck einer dieser Frauen als „offenbarer Wetterhexe“ die Lähmung eines Kindes zur Last gelegt.

Bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts war die Furcht vor „Wetterhexen“ vereinzelt anzutreffen, sagte Ströhmer. Die vorschnelle Suche nach Sündenböcken sei auch heute ein gängiges Muster bei tatsächlichen oder vermeintlichen Gefahrenlagen. Verschwörungsmythen hätten nicht nur in der Corona-Pandemie Konjunktur gehabt.

Eingeladen hatten zu dem Vortrag der Arbeitskreis Hexenverfolgung, der Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe (NHV) sowie die Evangelische Erwachsenenbildung der Lippischen Landeskirche.